Lebensfülle

Dienstag, 20. November 2007

Ihr sollt das Leben haben und ihr sollt es in Fülle haben. (J.C.)

Ich lache wenn ich höre, das den Fisch dürstet im wasser. (Kabir)

Realitätssinn

Dienstag, 20. November 2007

Du kannst Dreck ignorieren aber davon geht er nicht weg.

Sinnverlust

Montag, 17. Oktober 2005

Der Verteilungskampf innerhalb der entwickelten Gesellschaften geht zwar weiter, doch sind von seinem Ausgang keinerlei Lösungsimpulse zu erwarten, da sich das Schicksal der Erdbevölkerung in ganz anderen Arenen entscheidet. Um das Überleben kämpfen alle, ob arm oder reich, ob hoch oder niedrig, die Armen allerdings häufiger und öfter unter Einsatz anderer Ressourcen und zur Bewältigung ihrer eigenen spezifischen Probleme. Einsamkeit und Sinnverlust - als allgemeiner Nenner - verschonen allerdings niemanden. Die negativen Folgen treten ein, obwohl ihr Gegenteil, das individuelle Glück, angestrebt wird. Von einem Sinn für die Grenzen des menschlichen Glücksstreben ist in fortschrittlichen Kreisen jedenfalls wenig zu merken. `Unerreichbare Ziele für alle!´ist die Devise, die uns hier entgegentritt. In der sozialen Wirklichkeit erzeugen wir aber Knappheiten der Arbeit, des Wohnraums, der Ehre. Diese Knappheiten haben sich in den letzten Jahrzenhnten sukzessiv verschärft und neigen nun den sich vertiefenden und oft kommentierten Spaltungen der Gesellschaft zugrunde. Das bedeutet, dass die Verlierer der Konkurrenzgesellschaft immer schlechter abschneiden, dass aber auch die Gewinner ihres Sieges nicht richtig froh werden können. Auszug aus: LE MONDE diplomatique: Allgemein hatten wir uns eine bessere Welt erhofft von Hans Georg Zilian

Benzinkosten

Dienstag, 13. September 2005

Für Benzin hat ein repräsentativer Autofahrer (20.000 Jahreskilometer), Verbrauch 6,5 Liter/100km) vor acht Jahren knapp 890 Euro ausgegeben, heuer dürften es rund 1330 Euro werden - ein Zuwachs von fast 50 %. Quelle: OÖN 13.9.2005

Sein oder Nicht -Sein

Samstag, 13. August 2005

Menschen, die ihr Lebensgefühl aus Unterdrücken, Besitzen und Herrschen beziehen, bestimmen die Geschichte. Mir scheint, dass Geschichte ein mühsamer Kampf ist zwischen jenen, die dem Leben verbunden sind, und den zerstörerischen Kräften der Nichtgeliebten. A. Gruen ebenda

Größe

Samstag, 13. August 2005

"Entwicklung heißt Größe, und für Größe opfern wir alles, denn nur Größe rettet ein unbedeutendes Selbst. Die Wahrheit, die von der `Geschichte´ vertuscht wird, ist die Wahrheit über die Natur des Menschen. Hinter dem Trieb nach Größe steht jedoch die Unfähigkeit mit Hilflosigkeit umzugehen. Und diese Unfähigkeit lässt das Schamgefühl verkümmern. Menschen die fähig sind sich zu schämen, werden aus Großmannsucht weder die Natur noch das Leben missachten. der Schlüssel zur menschlichen Natur liegt deswegen nicht im Schuldgefühl, sondern in der Scham darüber, dass Menschen im Namen des Menschseins das Leben zerstören." Arno Gruen: Veratende Liebe - Falsche Götter

Kapitalismus

Dienstag, 2. August 2005

DIE ZEIT, 21.07.2005
http://www.zeit.de/2005/30/Kapitalismusserie
(aus ZEIT.DE » FEUILLETON » die zukunft des kapitalismus)


Fegefeuer des Marktes
Der neue Kapitalismus ist zu einer Weltanschauung geworden. Er begnügt
sich nicht mehr mit der Wirtschaft. Er will unser Leben und Denken
beherrschen

Von Jens Jessen


Der Kapitalismus hat sein Gesicht verändert. Weit scheint heute die Zeit
des Jubels von 1989 zurückzuliegen, als der Zusammenbruch des
sozialistischen Lagers allgemein wie ein Triumph der freien
Marktwirtschaft gefeiert wurde. Nur der konservative Soziologe Niklas
Luhmann, gewiss kein Nostalgiker des Sozialismus, wollte damals von
keinem Sieg sprechen: Er meinte, man könne allenfalls und höchstens die
Formulierung wagen, dass der Sozialismus früher als der Kapitalismus
zusammengebrochen sei.

Über die prophetische Qualität seiner Äußerung wird man mit Luhmann, der
unterdes gestorben ist, nicht mehr streiten können. Fest steht
allerdings, dass die Zustimmungsraten für den Kapitalismus überall auf
der Welt, und selbst in seinen westlichen Ursprungsländern, dramatisch
gesunken sind. Fest steht auch, dass er längst nicht mehr als ein Problem
allein von Linken behandelt wird. Sämtliche Autoren, die wir in unserer
Serie zur »Zukunft des Kapitalismus« befragten, ob Wissenschaftler,
Philosophen oder Schriftsteller, ob aus Europa, Amerika oder der Dritten
Welt, ob Konservative, Liberale oder Linke, waren sich darin einig, dass
der Kapitalismus, der dem Westen Jahrzehnte märchenhaften Wohlstandes
beschert hat, heute nur mehr als Bedrohung wahrgenommen werden könne.

Auch der Unternehmer sieht sich als Opfer des Systems

Selbst die Wirtschaftsführer, die in den Talkrunden des Fernsehens
sorgenvoll ihr Haupt wiegen, beteuern glaubwürdig, dass sie dem System
des freien Marktes ausgeliefert und in ihren Entscheidungen ohne
Spielraum seien. Sie wollen keine Massenentlassungen vornehmen, aber die
Kapitalrendite fordere es; sie wollen keine Arbeitsplätze ins Ausland
verlagern, aber die Konkurrenz erzwinge es; sie wollen Firmen weder
schließen noch ausweiden, aber die Börse mit ihrem unerbittlichen Blick
auf den Aktienkurs mache es leider unausweichlich.

Das ist ein erstaunlicher Umstand. Die Beschreibung des Kapitalismus als
System unausweichlicher Zwänge war in der Vergangenheit stets Sache der
linken Kapitalismuskritik. Was bringt Unternehmer heute dazu, die
marxistische Fremdbeschreibung als Selbstbeschreibung zu benutzen? Ist es
nur ein rhetorischer Trick, um die persönliche Verantwortung an das
System zu delegieren? Oder beginnen sie sich selbst als Opfer jener
Entfremdung zu fühlen, die darin besteht, stets etwas anderes tun zu
müssen als das, was man eigentlich will?

Der Jenenser Sozialphilosoph Hartmut Rosa hat kürzlich eine
Minimaldefinition des klassisch marxistischen Entfremdungsbegriffs
vorgeschlagen, die unsere gegenwärtige Situation recht gut trifft: Jeder,
der sich auf dem kapitalistischen Markt bewegt, fühlt sich für sein
Überleben zu etwas gezwungen, das er jenseits des Marktes niemals
anstreben würde. Niemand will die Umwelt zerstören, aber die
Notwendigkeit, Produktionskosten zu senken, zwingt ihn dazu; jeder will,
dass den Verlierern der Gesellschaft geholfen wird, aber die
Notwendigkeiten, Sozialkosten zu senken, bringt den Staat dazu, sie
auszugrenzen; alle leiden unter der hysterischen Abfolge technologischer
Neuerungen, aber der Wettbewerb zwingt die Produzenten dazu, ständig neue
Waren herzustellen.

Dieses Sinken der Handlungsspielräume gegen null war nun aber gerade das
klassische Argument der linken Systemkritik. Eben darum wollte sie das
System als Ganzes gestürzt sehen, weil mit gutem Zureden,
sozialdemokratischen Reformen und moralischen Appellen gegen seine
Gesetzmäßigkeiten nichts auszurichten sei. Ein guter Marxist wusste
stets, dass der Unternehmer kein schlechter Mensch ist, sondern einer,
der nicht anders handeln kann, als es das System verlangt.

Die traditionellen Verteidiger des Kapitalismus dagegen haben stets
diesen Systemcharakter bestritten, die Rede von unausweichlichen
historischen Prozessen war ihnen nichts als eine wacklige
geschichtsphilosophische Konstruktion. Niemals hätten sie behauptet, dass
aller politischer Wille und alle politische Moral vor der
kapitalistischen Eigenlogik kapitulieren müssten.

Und heute? Was ist geschehen, dass Sozialdemokraten, deren historisches
Verdienst immer die Zähmung des Kapitalismus war, inzwischen meinen, er
sei ein System, das sich nicht mehr zähmen ließe? Was hat den neuen
Kapitalismus in einer Weise verändert, dass er selbst von seinen
Anhängern und Profiteuren als Zwang erlebt wird?

Es ist die Globalisierung. So lautet die allgemein akzeptierte, bei
näherer Betrachtung jedoch recht merkwürdige Antwort. Denn Globalisierung
in diesem Zusammenhang meint nichts anderes als die Ausweitung der
Marktkonkurrenz über den nationalen Rahmen hinaus auf die Welt. Die
billigsten Produzenten eines reichen Landes konkurrieren mit den noch
billigeren Produzenten der armen Länder. Das heißt aber zunächst nur: Der
Kapitalismus ist gewachsen. Konnte er dadurch allein schon sein Gesicht
verändern? Oder bedeutet der Umstand seiner Ausweitung auf die
unterentwickelten Länder, dass er als Ganzes in eine frühe
Entwicklungsphase zurückgefallen ist, die der klassischen marxistischen
Beschreibung wieder entspricht?

Nehmen wir einmal an, der Kapitalismus sei wirklich ein System, das
alles, was es den Menschen bringt, unausweichlich bringt – dann sähe es
um seine Zukunftschancen schlecht aus. Denn es ist nicht anzunehmen, dass
die Bürger in den entwickelten Ländern, die den Kapitalismus schon einmal
gezähmt haben, seine Regression in den ungezähmten Zustand widerstandslos
hinnehmen werden. Die Gründung einer deutschen Linkspartei jenseits der
Sozialdemokratie ist nur das erste Zeichen eines politischen Unwillens,
der in Kürze leicht vorrevolutionäre Formen annehmen könnte.

Nehmen wir aber umgekehrt an, der Kapitalismus sei gar kein System und
seine Zumutungen alles andere als zwangsläufig – was dann? Dann wäre die
Rede von Systemzwängen offensichtlich bloße Ideologie, verwandt der
kommunistischen Propaganda, nur dass sie diesmal von den Verfechtern des
freien Marktes und durch das Kapital selbst vorgetragen wird, zur
Einschüchterung der Gesellschaft und dauerhaften Erhöhung der
Profit-Raten.

Marktgesetze sollen wie Naturgesetze gelten

Diese Möglichkeit mag auf den ersten Blick als naiver Verdacht wirken.
Sie hat aber einige überraschende Indizien für sich. Zu ihnen gehört vor
allem der weltanschauliche Überschuss, mit dem die neuen Ideologen
auftreten. Bei ihrem Versuch, die Marktwirtschaft gegen jede Form der
Kritik zu immunisieren, gehen sie nämlich noch einen charakteristischen
Schritt über Marx hinaus, indem sie das Prinzip der Konkurrenz quasi als
Naturgesetz behandeln.

Die Regeln des freien Marktes sind ihnen keine Regeln, die sich die
Gesellschaft gegeben hat (und also auch wieder nehmen könnte), sondern
ewige Kräfte, vergleichbar der Schwerkraft, gegen die aufzubegehren
sinnlos ist. Ein Land, das in seinem Inneren den Wettbewerb einschränkt,
wird dafür den Wettbewerb zwischen den Ländern verlieren.

Nach diesem Muster erklärt der neue Ökonomismus sämtliche
Gesellschaftsphänomene, selbst in der Kultur (Aufstieg und Abstieg von
Kunstgattungen) und in der Bildung (Untergang des altsprachlichen
Gymnasiums). Mit anderen Worten: Das Unterfutter der neuen Marktideologie
bildet ein Darwinismus einfältigster Sorte. Die Entwicklung der
menschlichen Kultur vollzieht sich in dieser Perspektive unsteuerbar wie
die Evolution.

Eine solche Behauptung ewiger Gesetze, nach denen sich die Zukunft
vorhersagen lässt, ist nun freilich nach der klassischen Definition
Hannah Arendts das wesentliche Kennzeichen aller totalitären Bewegungen.
Sie entbinden von jeder Form moralischer Abwägung; denn wer nach diesen
Gesetzen Opfer und wer Sieger sein wird, steht von Anbeginn fest. Der
Untergang der zum Untergang Verurteilten (der am Markt Schwächelnden)
kann nicht verhindert, er kann nur beschleunigt werden, so wie die
Nationalsozialisten den Untergang angeblich schlechtrassiger Völker und
die Bolschewisten den Untergang so genannter absterbender Klassen
beschleunigen wollten.

Dieser Wille zur Beschleunigung ist ein weiteres Merkmal der
neokapitalistischen Ideologen, das sie mit den totalitären Bewegungen der
Vergangenheit teilen. Sie wollen keineswegs zusehen, wie sich das
siegreiche Beispiel der westlichen Wirtschaftsweise von selbst über die
Welt ausbreitet, vielmehr soll es durch erpresserisch angetragene
Freihandelsabkommen, in Fällen besonders störrischer Länder auch durch
Krieg vorangebracht werden. Nichts war dafür bezeichnender als das
Triumphgeheul, das amerikanische Medien angesichts von Transistorradio
hörenden, Coca-Cola trinkenden und Kaugummi kauenden Afghanen anstimmten;
es schien für einen Augenblick, als sei der ursprüngliche Kriegszweck,
die Befreiung von einem Terrorregime, vollkommen verblasst hinter dem
Sieg westlicher Konsumkultur.

So schien es aber nur. Denn für die kapitalistische Ideologie ist
tatsächlich die Befreiung der Afghanen schon mit jenen Produkten
gekommen, die dem Volk ehedem versagt waren. Denn auch dies verbindet den
neuen Ökonomismus mit einer totalitären Bewegung: dass er natürlich nicht
nur Zumutungen und Härten, sondern auch eine Verheißung am Ende aller
Zumutungen predigt. Seine Verheißung von Freiheit, Demokratie und
Wohlstand wird allerdings keineswegs allen Menschen versprochen, sondern
nur solchen, die sich dem wirtschaftlichen Programm unterwerfen, das als
Quelle der Glücksgüter gilt.

Diese Verbindung des Ewigen mit dem Zufälligen, der universalen
Menschenrechte mit dem Partikularen einer modernen Wirtschaftsweise, und
die Ausblendung des historischen Vorlaufs, den die Idee der Demokratie
vor dem Kapitalismus beanspruchen kann, kennzeichnet (wie alle
Verbiegungen der Wahrheit) ebenfalls den ideologischen Charakter des
Ökonomismus. Er hat sogar zu behaupten versucht, dass der Kapitalismus
für sich schon eine demokratische Einrichtung sei, insofern der Konsument
bei jedem Einkauf an der Ladenkasse abstimme und sich der Markt daher
schon aus Eigeninteresse keine Diskriminierung leisten könne.

Die souveräne Ausblendung des Umstands, dass der Kapitalismus bisher auch
in Diktaturen blendend gedieh und vom Apartheid-Regime in Südafrika nicht
ernstlich behindert wurde, zeigt vielleicht am deutlichsten, dass es hier
nicht um Empirie, sondern um Demagogie geht. Die Behauptung, dass
Volksherrschaft schon durch Konsum bestehe, ist nicht weit entfernt von
jenen bolschewistischen Argumentationen, nach denen Parlamentarismus und
Rechtsstaat überflüssige Zutaten seien, weil wahre Volksherrschaft schon
im Volkseigentum verwirklicht sei.

Und in der Tat begnügt sich auch die Propaganda des Bush-Regimes, die den
Demokratie-Export predigt, keineswegs mit der Errichtung demokratischer
Institutionen – jedenfalls nicht, solange diese nicht im Sinne des
ungezügelten Wettbewerbs entscheiden. Der amerikanische Versuch, alles
ehemals staatlich Organisierte und Kontrollierte für den freien Handel zu
öffnen, einschließlich Bildung, Wasserversorgung und Infrastrukturen des
Verkehrs, beweist, worum es tatsächlich geht: um ein Imperium, das der
ganzen Welt sein Abbild aufzwingen will, nicht nur die Demokratie,
sondern auch seine Lebens- und Wirtschaftsweise.

Der Kampf der Privatwirtschaft gegen den Staat

Auch darin ist der neue Kapitalismus eine totalitäre Bewegung, dass er
nicht zur Ruhe kommen kann oder will, ehe er nicht die ganze Welt erfasst
und alles in private Hände gelegt hat, was ehedem noch der staatlichen
oder bürgerschaftlichen Kontrolle unterworfen war. Dieser rasende Wille
zur Selbstreproduktion und Einebnung aller Unterschiede steht geradezu im
Zentrum von Hannah Arendts berühmter Untersuchung über Elemente und
Ursprünge totaler Herrschaft (1955). Dazu gehört die eigentümliche
Staatsfeindlichkeit totalitärer Ideologien, die sich nicht zufällig
lieber als Bewegung denn als Partei verstehen. Alles irgend durch Regeln
Gebundene, Kontrollierbare und darum Statische muss verdampfen vor dem
dynamischen Prinzip der Bewegung. Alles Individuelle,
Traditionsbestimmte, kulturell Besondere und Widerständige soll durch den
Kapitalismus wie durch ein reinigendes Fegefeuer, an dessen Ende die
eine, gleichförmige und erlöste Welt steht.

Das Missliche, selbst für gläubige Anhänger, besteht freilich darin, dass
niemals gesagt werden kann, wann die Bewegung ihre Erfüllung gefunden
hat. »Diejenigen, die losmarschieren, um der Welt ihr Abbild
aufzuzwingen, werden nicht zufrieden sein mit einem minderwertigen
Porträt. Die fehlerhafte Wiedergabe ihrer selbst wird sie ermuntern, die
Kopie zu zerreißen und noch einmal von vorne anzufangen«, schrieb der
indische Schriftsteller Amitav Ghosh in unserer Serie, und man könnte mit
Hannah Arendt fortfahren: »Der durch nichts begrenzte Prozeß einer ewigen
Machtakkumulation, der die Expansion um der Expansion willen ermöglicht
und dauernd neu speist, braucht ständig neues Material, um sich zu
erneuern und nicht in den Stillstand zu geraten.« Oder wieder mit Amitav
Ghosh: »Die Verbindung aus Kapitalismus und Imperium bedeutet ein
Programm des permanenten Krieges – jener Vorstellung, an der sich einst
die Trotzkisten berauschten und die sich nun jene Neokonservative aufs
Neue zu Eigen machen, die das Projekt für das neue amerikanische
Jahrhundert ersonnen haben.«

Es geht übrigens, wenn man dem Prinzip totalitärer Herrschaft weiter
folgen will, auch gar nicht um Erfüllung der Ziele, sondern um das
Element steter Unsicherheit, das die Menschen zuverlässig von
abschließender Urteilsbildung und also etwa widerständigem Handeln
abhalten kann. Hierin liegt der Grund für die eigentümliche
Kulturfeindlichkeit des neuen Kapitalismus, der überall die
intellektuellen und potenziell kritischen Formen der Hochkultur zugunsten
einer dumpfen Massenunterhaltung unterbinden möchte (angeblich, weil die
Hochkultur nicht konkurrenzfähig sei). »Die konsequente Unterdrückung
aller höheren Formen geistiger Aktivität durch die modernen Massenführer«
hat jedoch nach Hannah Arendt »tiefere Gründe als die natürliche
Abneigung gegen das, was man nicht versteht. Totale Beherrschung kann
freie Initiative in keinem Lebensbereich erlauben.«

Ganz ähnlich hat der amerikanische Soziologe Richard Sennett in unserer
Serie die Lähmung jeden selbstständigen Handlungsimpulses beschrieben.
»Die neue Unsicherheit ist keineswegs nur eine unerwünschte Folge der
unsteten Märkte; sie ist in den neuen Kapitalismus einprogrammiert. Sie
ist kein ungewolltes, sondern ein gewolltes Element.« Mehr noch: Sie ist
tief in die Organisationsstruktur moderner Unternehmen, mit ihren flachen
Hierarchien und ständigen Wechseln in der Führungsebene, eingelassen.
»Die dauernden Säuberungen, das plötzliche Auf und Ab der Berufskarrieren
verhindern jedes Sicheinarbeiten, jede Entwicklung zuverlässiger
Berufserfahrung« – schreibt nun aber nicht mehr Richard Sennett über den
neuen Kapitalismus, sondern wieder Hannah Arendt, nämlich über die
Sowjetbürokratie unter Stalin.

Flache Hierarchien als Element totaler Herrschaft

Der Nutzen einer solchen Struktur, in der es »zwischen der obersten
Instanz, dem Führer, und den Beherrschten keine zuverlässigen
Zwischenschichten gibt«, liegt auf der Hand: Durch das »Fehlen jeder
gesicherten Hierarchie bleibt der Diktator in absoluter Unabhängigkeit
von jedem seiner Untergebenen und kann jederzeit die außerordentlich
rapiden und überraschenden Wendungen seiner Politik vornehmen.« Übersetzt
man Führer (oder Diktator) mit Unternehmer und Politik mit
Unternehmenszielen, dann erhält man die ziemlich genaue Charakteristik
einer Firma, die sich nach Maßgabe des Shareholder-Values flexibel am
Markt, das heißt sprunghaft, ungebunden und ohne jede Rücksicht auf
Mitarbeiter und Kunden bewegen kann.

Mit dieser vielleicht unheimlichsten, nämlich inneren Veränderung, die
den neuen Kapitalismus selbst an seinen Produktionsstätten in die Nähe
totalitärer Bewegungen bringt, kann unsere Zusammenschau wohl ihr Ende
haben. Die Parallelen sind evident. Sie werfen allerdings die Frage auf,
warum der Kapitalismus, der in seiner bisherigen Geschichte nahezu ohne
Einschüchterung und ideologische Heilsversprechungen auskam, auf seiner
letzten Wegstrecke die Zuflucht zu groben Propagandalügen und utopischen
Programmen suchen musste.

Manche datieren den Umschwung auf das Jahr 1989 und das Ende des
sozialistischen Herausforderers, der den Kapitalismus über Jahrzehnte
gezwungen hatte, ein menschliches Antlitz aufzusetzen. Hat er also nun
die Maske abgeworfen? Mit derselben Berechtigung ließe sich sagen, er
habe erst jetzt die grimmige Maske aufgesetzt. Das wäre dann aber nicht
1989 geschehen, sondern mit dem Zusammenbruch der Neuen Märkte 2000 und
dem Angriff des islamischen Fundamentalismus auf das World Trade Center,
also in dem Moment, in dem offenbar wurde, dass der Kapitalismus auch
untergehen könnte, jedenfalls Feinde hat, innere wie äußere, denen mit
gutem Zureden nicht beizukommen ist. Es wäre nicht das erste imperiale
System in der Geschichte, das im Moment seiner Bedrohung bös’ und zu
einer Gefahr für die zivilisierte Menschheit wurde.