So vertreibt ein Schmerz den nächsten, so macht eine Angst die nächste unwichtig, und doch füllt das Gefühl des Scheiterns mehr und mehr das Leben aller. Ich empfinde derart stark die universale Unerlöstheit der Menschen, dass ich Lust verspüre, aufzustehen und den paar Leuten und Kindern ringsum mein Bedauern auszusprechen. Besonderns den schon Erlahmten und Erschöpften unter ihnen möchte ich kameradschaftlich die Hand drücken. Ich kenne mich im Leben der Erschöpften sehr gut aus, weil ich mich für die Erschöpfung als Form schon längere Zeit interessiere. Unsere Verhältnisse produzieren unablässig Erschöpfung, ausreichend Platz für die Erschöpften gibt es aber nicht. Der Erschöpfte ist eine stigmatisierte Figur. Er bildet das System ab, das über uns herrscht, und die Lächerlichkeit seiner Versprechungen. Ich könnte (kann) den Erschöpften geeignete Ruheplätze zeigen, wo sie sich ungestört hinlagern können. Ich habe diese Plätze selbst ausprobiert, es sind Kleinode und Verstecke, absolute Geheimtips. Vor ungefähr fünfzehn Jahren, als ich noch halbwegs jung war und noch Karriere machen wollte, habe ich einmal ein `Handbuch für Erschöpfte" schreiben wollen, eine Art Stadtführer mit Angaben von schattenspendenden Bäumen, unbekannten Schleichwegen (ohne Werbetafel links und rechts), stillen Cafés (ohne Gedudel) und so weiter. Leider war ich selbst zu erschöpft, um das Handbuch zu schreiben. Wilhelm Genazino: Die Liebesblödigkeit
Geschrieben von Mag. Norbert Krennmair
in Entdeckungen
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07:41
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